Wie das Überraschungsei auf die Welt kam

Das Kind ist 6 Wochen und 2 Tage alt,

Vor zwei Tagen sah ich über blumenpost den Film Meine Narbe – Ein Schnitt ins Leben. Ein Bericht über das Thema Kaiserschnitt. Zwar aus Österreich, aber sicher nicht weniger relevant.

Ich war entsetzt darüber, wie die Frauen größtenteils behandelt wurden. Es gab sowohl welche mit geplantem Kaiserschnitt als auch mit sekundärem bzw. Notkaiserschnitt.

Interessanterweise saß ich die ganze Zeit da und sagte „Das ist ja grauenhaft“ oder „Oh, wie schrecklich“, ganz so, als ob ich gar keinen Kaiserschnitt gehabt hätte und von dem Thema völlig unbeleckt wäre.

Ein gutes Zeichen meines Erachtens und weil die Geburt unserer Tochter trotz allem tatsächlich ziemlich schön war, will ich das Ganze doch mal aufschreiben.

——

Über die Vorgeschichte will ich nicht allzuviel verlieren. Unser Überwachungsei lag ab etwa 10 Wochen vor Termin in Beckenendlage, aus der es sich auch trotz aller Überredungsversuche nicht mehr herausbewegt hat.

Durch das wenige Fruchtwasser und dem sehr dünn geschätzten Kind war das vorderste Ziel bis 37+0 zu kommen. Das hab ich auch geschafft und an dem Tag wurde dann auch der Termin für die OP auf genau eine Woche später, also 38+0 (mein persönliches Ziel, das ich gerne erreichen wollte) gesetzt. Lustigerweise ist der 16.10. genau ein halbes Jahr nach meinem Geburtstag.

Die letzte Woche ohne Kind habe ich mit diversen Besorgungen und angenehmen Dingen wie Kaffeetrinken mit meiner Freundin und einer Rückenmassage verbracht.

An Tag X wurden wir für 6:45 Uhr ins Krankenhaus bestellt. Ich sollte als dritte drankommen. Mir graute etwas vor der Wartezeit, denn ich musste ja nüchtern bleiben. Und ohne Frühstück aus dem Haus kann ich ganz schlecht haben.

Wir sind also mit dem Taxi ins Krankenhaus gefahren und wurden von der Anmeldung in den Kreißsaal und von dort auf die Station geschickt, denn der Kreißsaal war voll. Auf Station wurden wir in ein Einzelzimmer gesteckt. Ich fragte die Schwester nach den Modalitäten für ein Einzelzimmer (die Vorstellung von Nächten mit zwei schreienden Neugeborenen war eher unangenehm). Leider war das Ganze so teuer, dass ich wieder Abstand davon nahm.

Nun hieß es also Warten. Nach einer Weile zog ich meine Schuhe aus (großer Fehler, die haben später das Zimmer nicht verlassen und wurden nicht mehr aufgefunden) und legte mich für ein Nickerchen aufs Bett. Früher als erwartet klopfte es jedoch und ich wurde von einer Schwester samt Bett in den Kreißsaal gefahren. Dort durfte ich mich bis auf die Unterhose aus- und ein schickes
OP-Hemd anziehen. Natürlich fiel mir danach erst ein, dass ich nochmal aufs Klo musste. Aber das Klo war nur einmal über den Flur, das war also nicht so schlimm. Außerdem sollte ich ein weites rotes Schlauchband anziehen, darunter sollte mir später das Kind gelegt werden.

Dann, natürlich, CTG schreiben. Das letzte Mal in dieser Schwangerschaft, irgendwie ein komisches Gefühl. Der Mann und ich lenkten uns mit Twitter und Facebook ab. Ich war allerdings erstaunlich wenig aufgeregt.
Besonders hübsch war, dass unsere zuständige Hebamme einen deutlich schwäbischen Einschlag in ihrer Sprache hatte, worüber wir uns natürlich unterhielten. Das ließ gleich heimatliche Gefühle in mir aufkommen und ich hab mich noch besser gefühlt.

Mir wurde ein Zugang gelegt, am Handgelenk, wozu eine Freundin mir geraten hatte. Das war ein guter Tipp, das Ding hat mich die ganze Zeit tatsächlich kaum gestört. An den Zugang wurde ein Tropf mit Kochsalz und Elektrolyten gelegt, der „im Schuss“ (was deutlich langsamer ist, als ich immer dachte) durchlief.

Übrigens hatte es, als wir ankamen geheißen, ich käme auf jeden Fall erst als dritte dran, denn sie hätten noch einen Notfall, eine andere sei aber nicht aufgetaucht, so ganz kann ich das nicht mehr rekonstruieren. Es würde also sicherlich halb elf, elf werden, bis ich dran sei.

Im Kreißsaal selbst waren wir aber schon gegen acht Uhr. Uns wurde mitgeteilt, dass der Notfall sich verschoben habe und ich als zweite dran käme. Relativ bald danach kam der sehr nette Anästhesist und meinte, es ginge jetzt bald los. Ab da war ich tatsächlich aufgeregt. Ich hatte ja, bis auf eine Weisheitszahn-OP vor 12 Jahren keinerlei OP-Erfahrung und nur eine grobe Vorstellung, was mich erwartete. Was man eben so von Kaiserschnitten aus dem Fernsehen oder aus Berichten weiß.

Der Anästhesist kam wieder und schob mich mit dem Bett aus dem Kreißsaal. Wir kamen aber nicht weit, denn der OP war direkt nebenan. Es ging also nur zur Tür raus und dort direkt um die Ecke. Dann musste ich meine Unterhose ausziehen und in den OP laufen. Der Anästhesist hielt mir derweil das Hemdchen hinten zu. Es gibt sicherlich Leute, die das als demütigend empfunden hätten, ich fand es nur lustig. :)

Nun also: OP-Saal. Ich weiß noch, dass ich diesen Raum sehr irritierend fand. Überall Schränke und Regale, außerdem ein Fenster. Es sah mehr wie ein großer Lagerraum aus.
Ich wurde zur Liege geführt, währenddessen informierte der Anästhesist die vorhandenen Leute über mich und meinen Zugang.
Ich musste mich rittlings auf die Liege setzen und durfte aus dem Fenster schauen. Es war ein ziemlich grauer Tag, wenn ich mich recht entsinne. Mir wurde genau erklärt, was man nun für die Betäubung alles mit mir machen würde.

Ich kann mich leider nicht mehr ganz genau erinnern. Natürlich musste ich einen runden Rücken machen und es wurde an mir herumgetastet und -gedrückt. Außerdem warnte der Anästhesist mich, es würde jetzt kurz sehr kalt werden. Tatsache, es wurde verdammt kalt am Rücken (wahrscheinlich die Desinfektion). Ich zuckte zusammen und machte „Uaaah“, woraufhin er lachend meinte: „Hab ich doch gesagt!“
Dann die lokale Betäubung und die Spinalanästhesie. Alles gut auszuhalten.

Ich musste mich hinlegen, wobei mir wahrscheinlich geholfen wurde, das weiß ich nicht mehr so genau. Über meinen Zugang wurde mir diverses Zeug eingeflößt, unter anderem ein Antibiotikum. Der Anästhesist fragte immer wieder, ob es mir gut ging, was ich nur einmal negativ beantworten musste, da wurde mir schwummrig. Das hatte er aber geahnt und gab mir sofort was dagegen.

Dann folgte das, was ich persönlich am unangenehmsten empfand. Der Bauch wurde desinfiziert, mit Wattebäuschen an einer Zange. Das war unwahrscheinlich unangenehm, nicht schmerzhaft, aber ich weiß noch, wie ich besorgt dachte, wie soll denn da erst die OP werden, wenn das schon so fies ist.

Das berühmte grüne Tuch wurde gespannt. Mir fiel das Überraschungsei ein und ich meinte zu den Operateuren, wir wüssten nicht, was es für ein Geschlecht ist und ob sie vielleicht versuchen könnten uns das nicht zu verraten, das würden wir gerne selbst feststellen. Sie meinten freundlich, sie würden es versuchen.

Irgendwann meinte jemand: „Kann ich den Mann reinholen? Habt ihr schon getestet?“ und ich lag da und dachte: „Wie, was, getestet? Hilfe!“ und dann „Ach nee, ich hab ja nix gemerkt, alles gut also!“ und dann kam der Mann rein, komplett in OP-KLeidung mit Mundschutz. Natürlich hatte er, typisch Social-Media-Generation, die Kleidung nicht angelegt, ohne noch vorher ein Selfie zu machen. ;)

Er wurde auf einem Hocker an meiner linken Seite platziert und dann ging es auch schon los. Man hatte mich gewarnt, ich würde sicherlich etwas spüren, Geruckele und dass da jemand in meinem Unterleib rumfuhrwerkt. Tatsächlich hab ich davon kaum etwas gespürt, jedenfalls empfand ich es nicht als unangenehm.

Lustig war wieder der Anästhesist, der immer wieder über das grüne Tuch schaute und sagte „Ich weiß schon, was es ist, ich weiß schon, was es ist!“ :D

Die ganze Zeit wartete ich sehnlichst auf diesen einen Moment, den ersten Schrei unseres Kindes. Und da war er endlich und ich brach natürlich in Tränen aus. Die Operateure erzählten was von „wirklich sehr hübsch“ und „kleines Kind, kleine Plazenta“ und “ ja, es ist gut, dass es jetzt geholt wurde, länger wäre das nicht gut gewesen“. Sie haben sich wohl auch beim Geschlecht verplappert, so richtig haben wir das aber beide nicht mitgekriegt.

Die Hebamme eilte mit Kind im Tuch links an uns vorbei in den Nebenraum.
Die Zeit, in der sie weg war, ist für mich so der Moment, in dem ich Mutter wurde. Ich wollte unbedingt mein Kind sehen und hab das glaube auch mal leise gesagt.
Endlich kam sie wieder, rief die Maße des Kindes in den Raum und legte mir das nackige kleine Baby auf die Brust unter das Tuch und darauf noch ein warmes Handtuch. Ich konnte nur einen kurzen Blick zwischen die Beine werfen und fragte nach: „Ist es ein Mädchen?“ Ja, so wurde mir versichert.

Ich strahlte den Mann an, der mir einen Kuss gab. Wir bewunderten unsere Tochter, die auf meiner Brust lag und leise Geräusche von sich gab. Wir waren sehr entzückt, als sie sogar ihre Augen aufmachte, die groß und dunkel waren und uns sehr faszinierten.
Mein Gesicht begann zu jucken und ich vergewisserte mich, ob das normal sei. War es auch. Ich habe die ersten Stunden mit meiner Tochter daher damit verbracht, mich im Gesicht zu kratzen.

Währenddessen wurde die OP beendet. Man ermahnte mich, mein Kind gut festzuhalten, man würde mich jetzt ins Bett umlagern. Ich wurde in den Kreißsaal gefahren, wo wir die nächsten Stunden verbrachten.
Die Hebamme nahm meine Tochter nochmal an sich, nahm ihre Fußabdrücke, machte ein Foto von ihr und zog ihr eine Windel und eine Mütze an. Dann bekam ich sie wieder auf die Brust, wo sie sich sofort meine Brustwarze schnappte, die sie die nächsten Stunden auch nicht mehr losließ.

Wir informierten nähere Familie und Freunde und warteten dann darauf, dass ich auf Station gebracht würde. Das zog sich allerdings hin, daher bekam ich mein Mittagessen im Kreißsaal. Der Mann fütterte mich, ich war nicht in der Lage selbst zu essen.

Allmählich ließ die Betäubung nach und ich begann die Schmerzen zu spüren. Der Katheter war relativ bald nach der OP gezogen worden und ich musste allmählich mal aufs Klo. Fiese Kombination.

Der Mann ging und fragte nach, wie lange es noch dauern würde, bis ich verlegt würde. Eine sehr liebe Hebamme kam und meinte, es würde nicht mehr lange dauern, ob ich denn große Schmerzen hätte. Ich bejahte und meinte, ich müsste auch mal aufs Klo. Da ich es beim besten Willen nicht aufs Klo schaffen würde, half man mir mit einer Bettpfanne aus und hängte mir dann einen Tropf mit einem Zeug, das wohl unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, an.

Nun wurde ich verlegt und zwar auf die Privatstation, die normale Wöchnerinnenstation war voll.
Der Schmerztropf machte mich ein bisschen ballaballa, ob er groß geholfen hat, weiß ich nicht mehr.

Ich war die erste Nacht alleine im Zimmer, worüber ich sehr froh war, die Schmerzen waren fies und die Klogänge jedesmal eine Qual.

Das war im Grund genommen auch das Schlimmste an der ganzen Sache. Die OP an sich war wirklich kein Problem, die Leute im OP-Saal waren alle sehr freundlich bis lustig, ich habe nichts unangenehmes gespürt und man ist sehr auf mich eingegangen.
Doch die Schmerzen hinterher, vor allem an der Narbe, möchte ich eigentlich ungern nochmal erleben. Zwar war man im Krankenhaus sehr freigebig mit Schmerzmitteln („Haben Sie noch genug Ibuprofen?“ – „Ja.“ – „Ich lass Ihnen trotzdem mal noch welche da!“), aber so gut helfen diese dann eben auch nicht.

Es wurde aber mit jedem Tag besser und heute, sechs Wochen später, bin ich eigentlich wieder die Alte. Die Narbe ist sehr gut verheilt und macht nur bei viel Anstrengung noch Zicken.

Fazit: Die Geburt war so gut und positiv, wie ein geplanter Kaiserschnitt eben sein kann. Ich habe auf jeden Fall kein Trauma erlitten, auch unsere Tochter hat es gut weggesteckt, zwei Wochen vor Termin ans (OP-Saal-)Licht der Welt geholt worden zu sein.
Trotzdem seufze ich bei jedem Bericht einer Spontangeburt neidisch und hoffe, dies bei einem potenziellen nächsten Kind ebenfalls erleben zu dürfen.

Ende. :D

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4 thoughts on “Wie das Überraschungsei auf die Welt kam

  1. Ein schöner Bericht! Zum Glück gibt es auch diese positiven Erfahrungen bei einem Kaiserschnitt, ich glaube grad die geplanten werden häufig positiver erlebt als die, die sich erst im Geburtsverlauf ergeben. Zumindest in meiner Filterbloggerblase scheint das so zu sein.

    1. Was ich auch verständlich finde. Wenn man sich darauf vorbereiten kann, ist alles halb so schlimm.

      Wenn man sich eine Spontangeburt vorgenommen hat und es nach all der Mühe doch im Kaiserschnitt endet, ist das sicherlich besonders enttäuschend.

      Schön, dass dir mein Bericht gefallen. hat. ;)

  2. Ja, das sehe ich auch so. Ein geplanter Kaiserschnitt ist mit einem ungeplanten kaum zu vergleichen. Auch die Geburts- und OP-Helfer sind dann viel entspannter. Ich hatte einen sekundären Kaiserschnitt und diverse Komplikationen vorher, währenddessen und hinterher.

    Du hast in Deinem Bericht nichts über die Aufklärungsbögen geschrieben. Bei einem ungeplanten Kaiserschnitt bekommst Du unter Wehen noch irgendwelche Papiere hingehalten, die Du zu unterschreiben hast. Einmal für die Anästhesie und einmal für die OP selbst.

    Und zu dem Film: Ich hatte nicht den Eindruck, dass auch ein geplanter Kaiserschnitt beschrieben wurde. In meiner Erinnerung waren das alles sekundäre und Not-Kaiserschnitte.

    1. Die Aufklärungsbögen hatte ich nicht erwähnt, da dieser ganze Kram bereits eine Woche vorher erledigt worden war und für mich nicht zur Geburt dazugehörte.

      Ich glaube, in dem Film war eine Frau mit geplantem Kaiserschnitt. Es wäre ja sonst aber auch sehr einseitig geworden. Trotzdem scheint auch diese Frau keine guten Erfahrungen gemacht zu haben. Erschreckend!

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